News & Presse

18.02.2026

Steine – Fundament des Glaubens

Gedanken zu den Heiligen Vierzig Tagen vor Ostern 2026

1. Impuls

„Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit.“

Kohelet 3,1

Worte am Beginn für den Weg durch die Vierzig Tage

Gerne bauten wir als Kinder mit unterschiedlichen Materialien einen Turm und wollten diesen möglichst hoch aufrichten. Enttäuscht waren wir, wenn der Turm dann plötzlich das Gleichgewicht verlor und zusammenbrach. Stauend stehen wir aber auch vor wunderschönen Bauwerken, die Handwerker vor vielen Jahrhunderten errichtet haben. Unterschiedliche Betrachtungen zum Thema „Stein“ werden uns durch die Heiligen Vierzig Tage vor Ostern begleiten, um eine Anregung zu geben, das eigene Leben als „Bauwerk“ zu sehen.

Steine werden gesammelt, um ein Feld besser bewirtschaften zu können. Steinhaufen am Rande von Äckern zeigen an, dass hier der Besitzer sein Feld für die Saat gut vorbereiten wollte. Auf steinigem Boden wächst bekanntlich die Saat nicht besonders. Fruchtbare Böden sind gekennzeichnet durch guten Boden. Welcher Bauer oder Landwirt möchte nicht auf Böden mit hoher Bonität die Saat ausbringen?

Steinhaufen lassen jedoch auch der Fantasie freien Lauf, denn die wahllos aufgehäuften Steine regen an, darüber nachzudenken, mit diesem Material etwas aufzubauen, sei es eine Mauer zum Schutz vor dem Wind oder vor Tieren zu errichten oder ein Fundament für ein neues Gebäude zu schaffen. Die passenden Steine werden dann ausgewählt, um diese für ein Bauwerk zu verwenden.

Im dem weisheitlichen Buch Kohelet, das etwa in der Mitte des 3. Jahrhunderts vor Christus verfasst wurde, wird die Frage nach dem Sinn des Tuns und des Lebens gestellt. Unter dem Gedanken „Alles hat seine Stunde“ werden verschiedene Lebensphasen oder Handlungen des Menschen angesprochen und am Ende wird die Frage gestellt: Welchen Vorteil hat der Mensch aufgrund seines Tuns? So gibt es eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln (3,5). Als Hintergrund für diesen Gedanken können wir annehmen, dass in Kriegszeiten Steine auf den Acker des Feindes geworfen wurden, um dadurch den Boden ungeeignet werden zu lassen für die Feldarbeit. Dadurch wurde die Mühe und die Arbeit der Menschen zerstört, die sich geplagt hatten, Steine vom Feld zu sammeln, um eine gute Ernte zu erreichen.

Die Gedanken des Liedes aus dem Buch Kohelet (3,1-8) können uns in diesen Heiligen Vierzig Tage vor Ostern ansprechen mit der Frage, wie wir selbst unsere Leben wahrnehmen. Ein Leben ohne Schwierigkeiten, ohne Steine, die auf dem Weg ein Hindernis darstellen, wird es nicht geben. Wir wünschen uns ein angenehmes und erfolgreiches Leben ohne Rückschläge und Hindernisse. Wir wünschen uns Gesundheit ohne Krankheit, Geborgenheit und Ruhe ohne Aufregungen, Frieden ohne Gefahren. Verlangen wir da nicht Unmögliches? Wir erwarten im Grunde paradiesische Zustände und wissen, dass es ein Leben ohne Gegensätze nichtgeben wird. Vielleicht dürfen wir auch von Leo Tolstoi ansprechen lassen: „Gerade was uns betrübt und was uns als ein Hindernis erscheint, ist die Aufgabe unseres Lebens.“

Sehr viele Ereignisse prägen unser Leben tagtäglich und beeinflussen unser Denken und Handeln. Da sind wir manchmal froh und bestens gelaunt, dann wieder niedergeschlagen und traurig, manchmal sind wir mit unserem Leben zufrieden, dann wieder können wir es kaum ertragen, oder wir erleben uns angespornt und dann wieder demotiviert.

Die Heiligen Vierzig Tage wollen eine Ermutigung darstellen, über die eigenen Lebensperspektiven nachzudenken und Kraft schenken, mache Steine aus dem Weg zu räumen.

Gesegnete Tage der vorösterlichen Zeit!                              
Ihr Bernhard Stühler, Pfarrer

2. Impuls

„… so sind diese Steine ein ewiges Erinnerungszeichen …“

Josua 4,1-9

Worte am Beginn für den Weg durch die Vierzig Tage

Wohlbekannt sind die Erzählungen vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Vor allem der dramatische Bericht vom Durchzug durch das Rote Meer regt die Fantasie zu besonderen Bildern an. Josua, der Bruder des Mose, wird das Volk nach vierzigjähriger Wanderung in das versprochene Land führen. Bei dieser Erzählung werden Steine als Erinnerungszeichen aufgestellt.

Unterschiedliche Betrachtungen zum Thema „Stein“ werden uns durch die Heiligen Vierzig Tage vor Ostern begleiten, um eine Anregung zu geben, im Leben selbst Erinnerungszeichen zu finden.

Fahren wir übers Land oder wandern wir durch ansprechende Natur, werden wir bisweilen von Denkmalen oder Erinnerungsmalen überrascht. Sie tragen eine bestimmte Botschaft in sich oder erinnern an ein besonderes Ereignis, das dem flüchtigen Betrachter verborgen bleibt. Es sind Denkmale aus Stein. Über Jahre und Generationen hinweg soll eine Botschaft in Erinnerung gerufen werden. Sind es nur schweigende Steine, die da in der Natur herumstehen?

Die Verse aus dem Buch Josua berichten über Steinmale, die aufgestellt werden. Zwölf Männer als Repräsentanten der zwölf Stämme Israels nehmen aus dem Jordan zwölf Steine mit, um diese dann im Heiligtum in Gilgal aufzustellen. Ein anderes Steinmal wird mitten im Jordan aufgerichtet. Damit wird eine Erinnerung für alle Generationen an die wunderbare Errettung des Volkes wachgehalten. Verbunden damit wird die Erfahrung, die nicht vergessen werden darf. Josua gibt auch noch eine Interpretation dieser zwölf Steine: „Als man hier die Bundeslade hindurchtrug, staute sich das Wasser des Jordan, und wir konnten durch das Flussbett zeihen. Daran soll dieses Denkmal die Israeliten zu allen Zeiten erinnern.“ Somit sind diese Steine sprechende Steine, denn damit sind lebendige Erinnerungen und Erfahrungen von mutigen Menschen verbunden, die aus einer Gefangenschaft kamen, in die Freiheit zogen und neues Leben mit ihrem Gott finden konnten.

Es ist nichts Ungewöhnliches, Erinnerungsstücke für die eigenen Wohnungen zu sammeln. Auch diese sprechen mit den Erlebnissen, die damit verbunden werden. Manche nehmen auch kleine Steine oder zum Teil unscheinbare Erinnerungsstücke mit. Diese werden dann zu Trägern einer frohen und sprechenden Erinnerung. So erinnern diese Gegenstände an schöne Erlebnisse. Deshalb bleiben sie wichtig und heilig.

Josua sagt den Menschen, die in das Versprochene Land kamen, dass sie die damit verbundene Glaubenserfahrung von einem sorgenden und mitziehenden Gott weitererzählen sollen.

Die Tage vor dem Osterfest laden ein, sich an Glaubenserfahrungen zu erinnern. Wahrscheinlich haben wir uns an kein so spektakuläres Ereignis zu erinnern wie die Menschen zur Zeit Josuas. Es wird Momente geben, die nicht alltäglich sind. Da spüren wir, dass uns eine andere Macht begleitet, beschützt oder getragen hat. Da ließ sich spüren: Gott war für mich da. Diese Erfahrung gab Kraft, sie spendete Trost und zeigte neue vertrauensvolle Wege auf.

Denkmale, die den persönlichen Glauben stärkten, bleiben wichtig. Wir vergewissern uns durch diese Zeichen, dass Gott keine Illusion ist, da schon viele gute Erfahrungen mit Gott gemacht werden konnten. Diese persönlichen Erkenntnisse sollen nicht verblassen.

Für die kommenden Woche der weiteren Einstimmung auf das Osterfest wünsche ich Ihnen eine gute Erinnerung an das, was Ihr Leben bisher trägt und Ihnen Mut macht.

Bernhard Stühler, Pfarrer

3. Impuls
„Gideon errichtete einen Altar und nannte ihn: Der HERR ist Friede.“

Richter, 6-24

Worte am Beginn für den Weg durch die Vierzig Tage

Nach vielen großen Ereignissen wird berichtet, dass Menschen, die Gott er fahren durften, ein Altar errichtet wurde. Noach erbaut nach dem Ende der Sintflut einen Altar, Abraham erbaut dem Herrn einen Altar an dem Ort, an dem Gott ihm erschienen war, Mose erbaut einen Altar nach der Rettung vor dem Krieg mit Amalek, einen weiteren Altar, bevor er auf den Berg Sinai steigt, um Gott zu begegnen. Noch viele andere Stellen berichten von der Errichtung eines Altars aus Steinen.

Der Gedanke, einen Altar zu errichten, prägt Menschen vieler Generationen. Dabei wurde immer ein wichtiges Ereignis, eine Errettung aus Gefahr oder eine himmlische Erfahrung damit verbunden. Viele kleine Kapellen, große Wallfahrtsorte an markanten Stellen sind mit Altären verbunden. Altäre stellen das Zentrum eines Heiligtums dar. Dort wird der Gottesdienst gefeiert, dort wir die Heilige Schrift auf einem besonderen Ständer präsentiert, dort werden Gaben geopfert. Im Buch der Richter wird dem Altar sogar ein Name gegeben. Der Richter Gideon, der Anführer Israels, nennt einen von ihm errichteten Altar „Der HERR ist Friede“.

Viele Besucher kommen heute in die Heiligtümer in unterschiedlichen Ländern. Dabei spielt das Interesse an einem Bauwerk oder der Ausstattung eine bedeutende Rolle. Heiligtümer üben eine Anziehungskraft aus und laden den Besucher ein, dort zu verweilen, die Stimmung aufzunehmen und beeindruckt weiterzugehen. Viele Bilder bleiben in Erinnerung und werden dann begeistert bei Erzählungen lebendig.

Große Kathedralen, Dome und Kirchen sprechen eine Einladung aus, in diesem Bauwerk verweilen. Die unterschiedlichen Vorstellungen und Vorlieben der Menschen in den vergangenen Jahrhunderten prägen eine Kirche und lassen genau erkennen, in welcher Zeit dieses Bauwerk begonnen oder vollendet wurde. Diese großartigen Bauwerke sind meist verbunden mit einem spirituellen, religiösen Ereignis und tragen eine Botschaft des Glaubens weiter. Um den Hauptaltar versammeln sich seit Jahrhunderten die Glaubenden, um die Gemeinschaft erleben zu dürfen, die stärkt, aufbaut und Halt gibt in schweren Zeiten. Die unterschiedlich gestalteten Altäre mögen nüchtern sein, oder ein barockes Kunstwerk darstellen, das zum Himmel erheben möchte. Andere Altäre sind schlicht aufgerichtet und tragen ebenfalls eine Botschaft in sich. Manche werden mit dem Leben von vorbildlichen Menschen, mit Heiligen, in Verbindung gebracht, andere weisen mit ihrem Titel darauf hin, dass hier Glaubende göttliche Hilfe erfahren haben.

Wenn ein Altar „Der HERR ist Friede“ benannt wird, dann verbindet sich damit die Erfahrung, dass der Friede für das Leben hier seine Quelle besitzt. Die Zeit der Heiligen Vierzig Tage vor Ostern lädt ein, einen solchen Ort des Friedens für sich selbst zu entdecken. Der Altar einer Kirche, einer Kapelle oder eines Gebetshauses lädt ein, in Stille zu verweilen und die innere Stimme wahrzunehmen. Da kann das Gefühl aufkommen, laut ein Loblied zu anzustimmen. Ein anderer mag eher die persönliche Ergriffenheit spüren und im Schweigen erkennen, dass der Friede einkehren möchte. Die Vielfalt der mit Altären verbundenen Friedensbotschaft für die eigene Person, für die Familie, für die anvertraute kleine Welt in der Gesellschaft lässt sich mit dem Wort des verkündeten Wortes Gottes in das eigene Leben integrieren.

Für die voranschreitenden Tage vor Ostern wünsche ich Ihnen eine besinnliche Zeit, in der erkennbar ist, an welchem Ort im Leben ein Zentrum zu finden ist, das Ihnen Halt gibt. Es mag ein Ort sein, der über das für die Augen Sichtbare hinausführt in eine spirituelle Weite.

Gesegnete Tage!                             
Bernhard Stühler, Pfarrer

4. Impuls
„Jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut“
1. Brief an die Gemeinde in Korinth 3,11-15

Schon sehr früh verfasste der Apostel Paulus diesen Brief im Frühjahr 54 oder 55 in Ephesus. Die Gemeinde in Korinth hatte Paulus in den Jahren 50/51 während eines anderthalbjährigen Aufenthalts selbst gegründet. Längere Zeit hatte er diese Gemeinde nicht mehr besucht, blieb aber in brieflichen Kontakt mit den Gemeindemitgliedern. Vielleicht gab es auch schon ein Schreiben vor diesem 1. Brief an die Gemeinde. Allerdings ist dieses verlorengegangen.

Der Apostel Paulus konnte in seinem Wirken als Missionar und Völkerapostel die Kunde von Jesus nach Europa bringen. Besonders im hellenistisch geprägten Römischen Reich gründete er Gemeinden, mit denen er regen Kontakt durch Besuche und durch Brief pflegte. Paulus macht deutlich, dass er den Glauben an Jesus Christus gepredigt hat und damit das Fundament des Glaubens legen konnte. Andere werden nun weiterarbeiten. Apollos, ein in der Apostelgeschichte sehr redekundiger und in der Schrift bewanderter Mitarbeiter am Worte Gottes, wird das Werk weiterführen. Doch weist der Apostel darauf hin, dass Gott es wachsen lässt. Paulus übernimmt die Sprache des Hausbaus, wenn er von der Gemeindestruktur spricht. Er bezeichnet sich als Baumeister, der den Grund gelegt hat. Andere werden weiterbauen. Zugleich weist der Apostel darauf hin, dass es entscheidend sein wird, mit welchem Material weitergebaut wird: „Ob aber jemand auf dem Grund mit Gold, Silber, kostbaren Steinen, mit Holz, Heu oder Stroh weiterbaut: Das Werk eines jeden wird offenbar werden.“ ( 1Kor 3,12.13) Das Werk muss Gefahren und dem Feuer standhalten.

Der Apostel Paulus begegnet in seinem Schreiben an die Gemeinde in Korinth als ein sehr einfühlsamer Beobachter des gemeindlichen Lebens. Mit dem Gedanken von einem festen Fundament antwortet Paulus auf die Frage: Was soll ich tun? In der Tat kommt es auf das Fundament an, auf dem jeder Mensch steht. Apollos hatte neben Paulus in Korinth gepredigt. Nun fragen sich die Gläubigen, wem sie folgen sollen. Diese Frage nimmt Paulus sehr ernst und gibt den grundsätzlichen Rat, das Fundament zu bedenken, auf dem der Glaube aufgebaut werden kann. Dieses Fundament wird auch in schwierigen Situationen tragen. Vor allem macht Paulus deutlich, dass die Verkünder des Wortes Gottes gemeinsam für den Glauben wirken. Sehr gelassen redet Paulus über das Bauwerk, das jeder zu errichten hat. Es kommt darauf an, mit welchen Baumaterial jeder seinen Glauben an Christus weiterbaut. Der Grund ist gelegt.

Die Tage in der Vorbereitungszeit auf Ostern laden dazu ein, das Fundament des eigenen spirituellen Lebens wieder neu zu erkunden. Wie fest dieser Gund ist, wird gerade in prekären und herausfordernden Situationen deutlich. Krankheit, Verlust eines lieben Menschen, Unsicherheiten im persönlichen Leben und äußere Einflüsse hinterfragen oft das Glaubensleben. Dabei den festen Grund zu erkennen, der Halt und Geborgenheit gibt, wird Vertrauen, Mut und Sicherheit vermitteln. Ein fester Grund im Glauben und in den menschlichen Beziehungen wird Sicherheit schenken, um weitere mutige Schritte in das Leben hineinzugehen.

Wer weiß, auf welchem Fundament er sein Leben, sein Lebenshaus, seine Lebensbeziehungen aufbauen konnte, wird mit einer gewissen Sicherheit und Stärke weiterbauen. Zugleich wird eine solche Person zu einem vertrauenswürdigen Menschen, der als Ratgeber, Begleiter oder Freund angefragt werden darf.

Für die weitern Tage in der Einstimmung auf das Osterfest wünsche ich Ihnen Zeit, in der Sie spüren oder wieder neu entdecken, worauf das Fundament Ihres Glaubens aufgebaut wurde.

„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempels seid und der Geist Gottes in euch wohnt!“ (1 Kor 3,16)

Gesegnete Tage!                                             
Ihr Bernhard Stühler, Pfarrer


5. Impuls
„Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird“

Evangelium nach Matthäus 4,3

Die drei Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas berichten vom vierzigtägigen Aufenthalt Jesu in der Wüste. Diese extreme und intensive Zeit der Vorbereitung auf sein öffentliches Auftreten war gewiss eine Herausforderung für den Körper aber auch für den Geist. Die Tage und Nächte in der Wüste stellten Jesus vor die entscheidende Frage, ob er dem Willen Gottes erfüllen will. Der Diabolos, der alles durcheinander wirbeln will, greift in dem Moment der Schwäche an. Sehr geschickt will er Jesus davon abbringen, Gott allein zu ehren.

Die Erzählung von der Versuchung Jesu folgt unmittelbar nach dem Bericht von seiner Taufe. Da wurde Jesus sich seiner Berufung bewusst, denn eine Stimme sprach: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Jetzt in der Wüstenerfahrung muss sich Jesus klar werden, ob er diesem Anspruch gerecht werden will, oder sich allen anderen Machtvorstellungen zuwendet und sich von diesen leiten lässt. Das Fasten Jesu ist Ausdruck seiner Geisterfülltheit. Der Versucher knüpft an den Hunger Jesu nach vierzig Tagen an: „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird.“ Mit Gelassenheit weist Jesus dieses Ansinnen zurück mit dem Schriftzitat: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. (Dtn 8,3) Nicht durch ein spektakuläres Wunder will Jesus Anerkennung und Zustimmung finden, sondern durch seine Zuwendung zu den Kranken und denen, die am Rande stehen. Jesus erweist sich als der Sohn Gottes, der seine Macht nicht in den Dienst seiner eigenen Größe stellt. In dieser Versuchung Jesu geht es um die Frage, wer in der Welt die Herrschaft hat, der Diabolos, dem Jesus nicht dient und der dann den Platz räumen muss, oder Gott, der seine Engel schickt. Diese Erzählung wird zu einem Stück Hoffnung und zu einem Ausdruck der Zuversicht dem Sohne Gottes gegenüber, der ohne ein Spectaculum den guten Gott verkünden will.

Mit dieser Auseinandersetzung Jesu und der Frage danach, ob er sich selbst als der Sohn versteht, beginnt die Fastenzeit. Das Fasten gehört mittlerweile zum Selbstverständnis der Gesellschaft. Jede und jeder versucht, sich selber und den Körper zu optimieren. Natürlich ist das kein Fehler. Aber es ist nicht das, was die Heilige Schrift unter Fasten versteht. Für die Bibel ist Fasten ein Weg zu Gott. Dabei gilt es zu bedenken, dass Gott groß werden soll und sein Name heilig. Gott ist eindeutig in dem, was er sagt und will und ermutigt uns, sich nicht in Versuchung führen zu lassen und wie Gott sein zu wollen. Damit ist in dieser Geschichte nicht nur Jesus gemeint, sondern ein jeder, der diese liest. Gott gewinnt man mit Güte und Wahrhaftigkeit. Wende ich mich von Gott ab, wird die Gefahr groß, mich an Gottes Stelle zu setzen. Wer das erste Gebot von der Gottesliebe nicht aufgibt, der wird auch von Gott nicht aufgegeben. Gott wendet sich dem Menschen zu, der bereit ist, das Gute tun zu wollen.

Mit der Versuchung Jesu in der Zeit seiner vierzigtägigen Fastentage wird nicht eine spannende Geschichte erzählt. Vielmehr werden wir angefragt, welches Gottesbild wir in uns tragen. Jesus vertraut, dass er von seinem Vater als der „geliebte Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“ begleitet wird. Dieser Gedanke, ermutigt uns durch die Tage der Fastenzeit zu gehen mit dem Bewusstsein, dass Gott an unserer Seite steht und uns hilft alle Spannungen und Tiefen des Lebens zu meistern. Wir brauchen keine spektakulären Wunder und Ereignisse, sondern vielmehr die Einfachheit unserer Gedanken und die Freude im Herzen.

Für die weiteren Tage der Einstimmung auf das Osterfest wünsche ich Ihnen eine klare Option in Ihrem Leben, wie Sie heute jeden Schritt wagen mit der Gewissheit, dass Gott Sie begleitet.

Gesegnete Tage                                                                              
Bernhard Stühler, Pfarrer

6. Impuls
„Wenn sie schweigen, werden die Steine reden“

Evangelium nach Lukas 19, 40

Der Palmsonntag erinnert uns an den Einzug Jesu in Jerusalem. Dieses Ankommen in die Heilige Stadt hatte er vorbereitet und seine Jünger waren begeistert, mit Jesus auf dem langen Weg von Galiläa nun in Jerusalem anzukommen. Der Einzug in Jerusalem wird mit großer Freude berichtet und erinnert an das Kommen eines Königs. Gerade diese Freude erregt jedoch bei den religiös Verantwortlichen Unmut und sie fordern auf zu schweigen.

In diesem Jahr wird die Palmprozession, die an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert nicht stattfinden. Vor wenigen Tagen wurde durch das Lateinische Patriarchat gemeldet, dass aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen im gesamten Nahen Osten es nicht zu verantworten ist, Menschen in einer Prozession singend und betend vom Ölberg aus nach Jerusalem ziehen zu lassen. Die Gefahr einer Bedrohung der Gläubigen ist zu groß. Zu den österlichen Festtagen kamen bisher tausende von Pilgern in das Heilige Land und nahmen an den Feierlichkeiten der unterschiedlichen Konfessionen teil. Die Karwoche wurde bisher mit der Prozession vom Ölberg mit vielen Pilgern aus aller Welt begonnen. In diesem Jahr werden die Gottesdienste in den einzelnen Kirchen unter strenger Sicherheitsvorkehrung gefeiert. Wer singt die Worte, die uns überliefert sind? „Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe!“ Schweigen die Gläubigen, die Pilger? Werden Steine reden?

Der Evangelist Lukas zögert nicht, Jesus den Titel König zu geben, denn er ist überzeugt, dass sein Königtum nicht von dieser Welt ist was nicht heißt, es sei hier nicht ohne soziale und politische Wirkung. Jesus erhält die Anweisung, seine Jünger zurechtzuweisen. Darauf antwortet Jesus feierlich. Sollten seine Jünger schweigen müssen, werden die Steine schreien! Dieser Gedanke erinnert auch an eine Aussage des Propheten Habakuk, der Steine und Balken erwähnt, die im Falle eines tragischen Ereignisses reden könnten. „Ja, der Stein in der Mauer wird schreien und der Sparren im Gebälk wird ihm antworten“ (Hab 2,11). Stein und Balken sagen die Wahrheit und weisen auf die Größe und das Gericht Gottes hin. Lukas ist der Überzeugung, dass die Steine diese Wahrheit schreien werden, wenn den Jüngern verboten würde, die Wahrheit über Jesus aussprechen zu dürfen. Das Motiv des schreienden Steines, das hier bei Lukas anklingt, fehlt auch in manchen religiösen, mythologischen und literarischen Texten der Antike nicht.

Beim intensiven Lesen und Betrachten der Verse, die Lukas uns über den Einzug Jesu in Jerusalem berichtet, fällt auf, dass weder Palmzweige erwähnt werden noch von einem glorreichen Einzug Jesu in die Stadt berichtet wird. Eher wird von einem königlichen Zug zu reden sein, der allerdings sehr bescheiden ausfällt, obwohl die Jünger festlich rufen. Auf dem Weg zur tiefsten Erniedrigung am Kreuz zeigt sich das paradoxe Königtum Jesu. Es bleibt zu beachten, dass weder die religiösen Verantwortlichen noch die zurückhaltende Menge noch die Jünger während der Passion von dieser Würde Jesu bewegt werden. Jesus wird bei seinem Sterben allein sein. Allerdings wird seine Verherrlichung an Ostern diesen königlichen Zug in die Heilige Stadt aus einer ganz neuen Perspektive zeigen und Jesus als den Herrn des Lebens verkünden.

Dieser „Königliche Zug Jesu“ in die Heilige Stadt, wie wir dieses Ereignis richtiger zu beschreiben haben, fragt uns an, wie wir heute über den Weg Jesu sprechen. Lassen wir uns von den Worten der Jünger begeistern und stimmen ein in ihren Lobpreis? „Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Ehre in der Höhe!“ Wenn wir nicht rufen, werden die Steine schreien!

Eine gesegnete Heilige Woche in der Einstimmung auf das Fest der Auferstehung des Herrn!

Ihr Bernhard Stühler, Pfarrer