Presse

04.04.2017

Schreibst du noch oder pflegst du schon?

Seniorenstift Juliusspital lebt „Entbürokratisierte Pflegedokumentation“

Frei nach dem Motto einer Möbelhauskette mit vier großen Buchstaben aus dem hohen Norden hört man diese abgewandelten Satz in letzter Zeit im Seniorenstift Juliusspital immer öfters. Durch die Einführung der „Entbürokratisierten Pflegedokumentation“ – mit der wir Ende 2016 starteten – ist dieser Satz inzwischen zum Leitmotto unserer „Entbürokratisierer“ geworden.

Markus Schultheiß, Qualitätsbeauftragter im Seniorenstift Juliusspital hat dort das Projekt „Entbürokratisierung der Pflegedokumentation“ auf den Weg gebracht und setzt es – zusammen mit dem ganzen Team – mit Begeisterung um. Wir wollen wissen, was es damit auf sich hat und fragen nach.

Warum uferte die Pflegedokumentation in den vergangenen Jahren derart aus?

Schultheiß: Dieser immense Schreibaufwand erklärte sich zum einen durch eine Einführung der Qualitätskontrollen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) im Jahre 2008 und den immer professionelleren Überprüfungen der Heimaufsicht (FQA). Das führte dazu, dass immer mehr nachgewiesen und aufgeschrieben werden musste um eben diese Prüfungen überhaupt zu bestehen. Zum anderen wurde oft auch vorsorglich dokumentiert, das heißt, man hat es aufgeschrieben für den Fall dass man es einmal braucht - aber letztlich brauchte man es nicht so umfangreich.

Also, viel Schreibarbeit mit geringem Nutzen?

Schultheiß: Genau. Zum Beispiel wurde über Jahre täglich aufgeschrieben, wer wen wann gekämmt oder den Rücken gewaschen hat. Das summierte sich natürlich – bei unseren 150 Bewohnern – täglich ungemein und führte so zu einer sinnlosen Überfrachtung der Dokumentation.

Was hat sich in der Pflegedokumentation nun geändert?

Schultheiß: Anfang 2015 hat das Bundesgesundheitsministerium die Einführung des Strukturmodells aufgelegt, um gegen die überbordende Dokumentation vorzugehen. Das neue Konzept hat den wissenschaftlich begleiteten Probelauf erfolgreich bestanden und wird von den bereits genannten Prüfinstanzen vorbehaltlos unterstützt.

Das heißt in der Praxis?

Schultheiß: Jeder Bewohner erhält eine individuelle Informationssammlung in der auch die sogenannten pflegerischen Risiken wie z. B. Sturzrisiko oder Ernährungsprobleme aufgeführt werden. Darauf aufbauend erhält der Bewohner dann eine individuelle Tagesstruktur für alle regelmäßigen Tätigkeiten wie z. B. Waschen, Ankleiden, Kämmen etc. Somit entfällt schon hier ein nicht unerheblicher Zeitaufwand pro Mitarbeiter und Tag. Dokumentiert werden muss dann nur noch die Abweichung von der Regel. Täglich abgezeichnet werden nur noch wenige individuell festgelegte Maßnahmen wie z. B. die Medikamentengabe.

Welche Vorteile hat die entbürokratisierte Pflegedokumentation?

Schultheiß: Erste Erfahrungen aus unserem „Entbürokratisierungslager“ ergaben, dass bis zu 40 Prozent Dokumentationszeit eingespart wird. Bei einer Anzahl von 30 Bewohnern im Wohnbereich können das über 24 Stunden hinweg schon an die zwei Stunden pro Fachkraft sein.

Ein weiterer Vorteil ist die veränderte Sichtweise der Pflegeprozessdokumentation. Wurde bisher nach einem relativ unübersichtlichen Verfahren eine eher problemorientierte Pflegeplanung für jeden Bewohner geschrieben, wird nunmehr nur noch eine individuelle, ressourcenorientierte Tagesstrukturierung für den Bewohner geplant.

Das ist ja Wasser auf den Mühlen der Pflegenden, oder?

Schultheiß: Ganz genau. In der Praxis bedeutet das keinen Qualitätsverlust durch weniger Dokumentation sondern vielmehr ein Mehr für den Bewohner in Form von Zeit und Zuwendung durch die Mitarbeiter.

Wann packten Sie im Seniorenstift das Thema „Entbürokratisierung“ an?

Schultheiß: Schon kurz nach dem Startschuss des Projekts haben wir die organisatorischen Grundlagen geschaffen. Ein Mitarbeiter wurde als sogenannter. Multiplikator“ ausgebildet und hat hausintern das Projekt koordiniert und die fast 100 Pflegekräfte geschult. Die Resonanz ist positiv, alle sind dabei um das Projekt „Entbürokratisierung“ so schnell als möglich umzusetzen.

Welchen Nutzen gibt es darüber hinaus?

Schultheiß: Die für die Dokumentation notwendigen Laptops oder Tablets optimieren die letztlich noch notwendige Datenerfassung. Zudem stehen sie Geräte auch für andere Bereiche wie beispielsweise Therapie und Beschäftigung zur Verfügung. Sein Wunschessen kann der Bewohner so ebenfalls direkt im Zimmer bestellen. Außerdem können die Bewohner damit Gedächtnisspiele wie Sudoku und Kreuzworträtsel lösen. Auch unsere unerschöpflichen Urlaubsbilder schauen sich die Bewohner so immer wieder an.

Durch die entbürokratisierte Pflegedokumentation haben die Pflegenden zukünftig mehr Zeit für die Pflege unserer Bewohner. Heißt, sie haben wieder mehr Freude an ihrer Arbeit weil endlich wieder die Menschen und die Pflege im Mittelpunkt stehen und nicht die zeitraubende Dokumentation.

Weniger Dokumentation heißt mehr Zeit für die Bewohner....

 

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